Was ist ein Schütteltrauma?

Schon drei Mal ist der junge Vater aufgestanden, um sein schreiendes Kind zu beruhigen. ‚Was hat es denn bloß?‘, fragt er sich. Hungrig kann es nicht sein. Die Windel hat er auch gewechselt. Und krank ist es auch nicht. Er möchte endlich seine Ruhe haben und fühlt sich enorm gestört. Von Minute zu Minute nimmt seine innere Anspannung zu, er fühlt sich völlig überfordert. Irgendwann liegen seine Nerven blank.

Er verliert die Beherrschung, packt das Baby am Brustkorb und schüttelt es einige Male voller Wut hin und her. In diesem Moment weiß er noch nicht, was er damit gerade seinem Baby antut. Denn wenige Sekunden Schütteln genügen, um sein Schicksal zu besiegeln. Schütteln endet häufig sogar tödlich.

Bei den Opfern handelt es sich nahezu ausschließlich um Säuglinge. Damit ist das Schütteltrauma die häufigste nicht-natürliche Todesursache im ersten Lebensjahr.

Ein hoher Anteil der Babys, die das Schütteltrauma überleben, erleiden so schwere Hirnschädigungen, dass sie lebenslang schwerbehindert bleiben. Meist sind sie taub, blind oder gelähmt. Das bedeutet, dass sich die betroffenen Kinder niemals mehr wie andere Gleichaltrige entwickeln werden.

Warum Schütteln so gefährlich ist

Die wenigsten sind sich den verhängnisvollen Auswirkungen des Schüttelns bewusst. Wer jedoch einen Säugling am Rumpf packt und auch nur wenige Male kräftig hin und her schüttelt, verursacht mit großer Wahrscheinlichkeit ein Schütteltrauma-Syndrom. Denn dabei wird der Kopf in eine heftige unkontrollierte rotierende Bewegung versetzt. Die dabei entstehenden Scher- und Rotationskräfte wirken besonders stark und verheerend, da das Gehirn des Säuglings und die umgebenden Strukturen noch besonders zart und verletzlich sind.

„Außerdem hat ein Säugling aufgrund seiner noch schwachen Nackenmuskulatur kaum Kontrolle über seinen Kopf. Daher fliegt der Kopf eines Säuglings ungebremst hin und her“, erklärt der Neuropathologe und Privatdozent Dr. med. Jakob Matschke vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Erschwerend kommt hinzu, dass der Kopf bei Babys im Vergleich zum Körper noch überproportional groß und schwer ist.

„Beides zusammen verstärkt die Kräfte noch, die beim Schütteln auf das Kind einwirken“, erklärt Dr. Matschke weiter. „Außerdem ist bei kleinen Babys die sogenannte Markscheide, die die Nerven schützend umhüllt, noch nicht vollständig ausgebildet. Das Gewebe in ihrem Gehirn ist dadurch viel weicher und verletzbarer als bei Erwachsenen“, so der Neuropathologe.

Durch Scher- und Zugkräfte können Blutgefäße einreißen, was zu Blutungen im Schädelinneren und Netzhautblutungen führt. Auch Nervenfasern können in seltenen Fällen geschädigt werden. Überlebenden Kindern drohen nicht nur lebenslang Seh- und Sprachstörungen, sondern auch motorische Störungen.

„Schütteltrauma gibt es in vielen Ausprägungen“, erklärt Privatdozentin Dr. med. Dragana Seifert, Fachärztin für Rechtsmedizin am UKE.

Wann wurde das Schütteltrauma-Syndrom entdeckt?

Medizinisch entdeckt und erstmals beschrieben wurde das Schütteltrauma-Syndrom 1971 von dem britischen Neurochirurgen Norman Guthkelch und ein Jahr später vom amerikanischen Kinderarzt John Caffey. Beide konnten in ihren Arbeiten über das Schütteltrauma-Syndrom einen Zusammenhang zwischen dem Vorgang des Schüttelns und den typischen Symptomen herstellen. Seither ist unbestritten, dass heftiges Schütteln von Säuglingen zu Behinderungen oder sogar zum Tod führen kann.

Grobes Schütteln kann tödlich enden

„Lebensbedrohend sind die Schädigungen des Hirngewebes“, erklärt Dr. Matschke, Experte für Hirnschäden. Durch das gewaltsame Überstrecken des Halses beim Schütteln können Nervenzellen im Hirnstamm geschädigt werden.

„In dieser Region befindet sich das Herz-Kreislauf- und Atemzentrum. Kommt es hier zu Schädigungen, erleiden die Opfer einen Herz-Kreislauf- und/oder Atemstillstand“, erklärt der Mediziner.

Durch den Sauerstoffmangel sterben in kürzester Zeit zahllose Hirnzellen ab. Bildgebende Verfahren offenbaren die Spuren des Sauerstoffmangels. Das Gehirn sehe dann im Spätstadium wie eine Walnuss aus, erklärt Privatdozentin Dr. Seifert.