Schütteln: eine schwere Form der Kindesmisshandlung

Kinder- und Jugendärzte oder Rechtsmediziner – sie alle erleben es immer wieder, dass die Täter nicht erzählen und zugeben mögen, was genau vorgefallen und passiert ist. Die wichtige und richtige Diagnose wird dadurch erschwert und verzögert.

Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) werden deshalb alle Kinder, die eine verdächtige neurologische Symptomatik zeigen, mit bildgebenden Verfahren wie Magnetresonanztomografie (MRT) und Computertomografie (CT) untersucht. Die Bilder können Hinweise darauf geben, dass ein Kind ein Schütteltrauma-Syndrom erlitten hat.

Augenärztliche Untersuchungen im Hinblick auf Blutungen im Bereich der Netzhaut erhärten die Diagnose. Vor allem die Kombination dreier typischer Leitbefunde lassen keinen Zweifel daran: Blutungen unter der harten Hirnhaut, Netzhautblutungen sowie diffuse Hirnschäden sind ein klarer Hinweis darauf, dass diese nicht durch einen Unfall wie einen Sturz verursacht worden sind, sondern durch grobes Schütteln.

Wer sind die Täter?

Kindesmisshandlungen gibt es in allen Bevölkerungsschichten, auch gebildete Menschen können die Nerven verlieren und ihr Kind grob schütteln.

„Gewalt gegen Kinder ist eine chronische Krankheit, die über Generationen weitergegeben wird. Man spricht auch von einem Kreislauf der Gewalt“, erklärt Prof. Dr. med. Klaus Püschel, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am UKE.

Doch die Misshandlungsfälle lassen zumindest eines erkennen: Junge Männer lassen häufiger als andere ihre ungehemmte Gewalt am Baby aus. Auch Mütter, die mit der Erziehung überfordert sind, begehen diese schwere Straftat und schütteln ihr eigenes Kind.

Drei erschütternde Fälle

Emilio

Im Falle des kleinen Emilio aus Brandenburg schüttelte im Juni 2016 die junge Mutter ihren 18 Monate alten Sohn grob, weil er nicht trinken wollte, als sie ihm die Flasche gab. Die Mutter war mit der Erziehung ihres Kindes völlig überfordert.

Emilio wird sein Leben lang mit einer schweren Behinderung leben. Im Krankenhaus Brandenburg/Havel hatten die Ärzte Schwellungen des Gehirns und Blutungen im Schädelinneren des Babys festgestellt und die Polizei alarmiert. Vor Gericht gestand die Mutter die Tat und zeigte Reue. Das Gericht verurteilte sie zu einer einjährigen Haftstrafe auf Bewährung.

Tayler

Im Falle des kleinen Tayler aus Hamburg Altona hatte die Mutter, weil sie einkaufen gehen wollte, ihrem Lebensgefährten ihr Kleinkind anvertraut. Während ihrer Abwesenheit schüttelte er ihr wehrloses Baby 10 bis 15 Mal so heftig, dass es an den Folgen seiner Hirnverletzungen starb.

Das Gericht konnte mit Hilfe von Neuropathologen und Rechtsmedizinern des UKE dem Stiefvater und Freund der Mutter die Tat eindeutig nachweisen. Ihm wurde auch angelastet, dass er erst den Notruf 112 wählte, als die Mutter panisch nach Hause kam.

Zu der Zeit des Anrufs stand schon fest, dass Tayler nicht überleben würde. Die Hirnverletzungen waren zu massiv. 2016 wurde der Stiefvater vom Landgericht Hamburg wegen Totschlags zu elf Jahren Haft verurteilt.

Deljo

Wenige Monate später wurde der Fall des neun Monate alten Deljo bekannt. Die junge Mutter brachte ihr Kind ins Krankenhaus Hamburg Altona und erklärte den dortigen Ärzten, dass ihr Kind seit Tagen unter Krankheitssymptomen leide. Die Ärzte stellten jedoch fest, dass das Baby ein Schütteltrauma erlitten hatte, zudem diagnostizierten sie eine Schädelfraktur.

Der kleine Junge wurde sofort operiert. Ob Folgeschäden zurückbleiben, ist den Behörden derzeit nicht bekannt. Die Eltern sind bis heute nicht angeklagt worden, da man weder Vater noch Mutter eindeutig die Straftat nachweisen kann. Das Kind wurde in die Obhut von Pflegeeltern gegeben.

Oft bleibt das Schütteltrauma unentdeckt

In einigen Fällen wird das Schütteltrauma-Syndrom nicht entdeckt bzw. diagnostiziert. „Wahrscheinlich sind unter den Kindern, die in der Schule Probleme haben, auch welche, die geschüttelt worden sind“, meint Professor Püschel. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein, da die Symptome des Schütteltrauma-Syndroms nicht immer als solche erkannt werden.

„Häufig werden die Zeichen solcher Taten auch von denjenigen nicht erkannt oder ignoriert, die engen Kontakt mit diesen Kindern haben; von Ärzten, Erziehern, Lehrern oder Verwandten“, weiß der Rechtsmediziner.

Er schließt auch nicht aus, dass ein Teil der schwerbehinderten Kinder Opfer eines frühkindlichen Schütteltraumas seien und sich in drei von 100 Fällen auch hinter einem sogenannten plötzlichen Kindstod ein Schütteltrauma verbergen könne.

Deshalb fordern er und sein Kollege, der Rechtsmediziner Professor Dr. med. Jan Sperhake, dass jedes plötzlich verstorbene Kind mit bildgebenden Verfahren, beispielsweise der Computertomografie (CT), untersucht und obduziert wird. Die bildgebenden Verfahren sollten auch bei lebenden Kindern konsequent eingesetzt werden.

„Wir sind manchmal entsetzt, dass in Krankenhäusern bei Verdachtsfällen auf diagnostische Verfahren wie konventionelles Röntgen, CT oder MRT verzichtet wird“, so Sperhake.