Warnzeichen frühzeitig erkennen

Fast 1000 Mal im Jahr untersuchen Ärzte des Kinderkompetenzzentrums, das 2005 im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) gegründet wurde, Verdachtsfälle von Kindesmisshandlung. Die kleinen Patienten leben noch. Oftmals kann anhand der typischen Befunde ein Schütteltrauma-Syndrom nachgewiesen werden.

Für die Hamburger Rechtsmediziner Professor Dr. med. Klaus Püschel, Privatdozentin Dr. med. Dragana Seifert und Professor Dr. med. Jan Sperhake vom UKE ist ein solcher Befund zugleich schockierend und alarmierend. Vielen Eltern und Betreuern ist offenbar nicht klar, was sie ihrem Kind damit antun.

Eine telefonische Umfrage von 2017 im Auftrag des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) mit rund 1000 Frauen zwischen 16 und 49 Jahren bestätigte dies. 42 Prozent der Befragten hatten noch nie den Begriff Schütteltrauma gehört. Und 24 Prozent der Befragten unterlagen dem Irrtum, dass Schütteln für ein Baby „vielleicht nicht so schön sei, ihm aber auch nicht schade“.

Doch Ärzte wie Professor Püschel warnen: „Schütteln ist nicht harmlos und keine Bagatelle. Ein Kind darf man niemals schütteln“, erklärt der Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am UKE. Denn es könne sehr schnell zu neurologischen Schäden kommen.

„Das ist wie ein Beben im Kopf“, so der Arzt. Und Professor Sperhake fügt hinzu: „Eigentlich müsste jedem Erwachsenen klar sein, dass heftiges Schütteln eines Babys oder Kleinkindes nahezu zwangsläufig zu schweren inneren Kopfverletzungen führen muss“.

Warum Eltern die Kontrolle verlieren

Wie kommt es dazu, dass Eltern und andere Betreuer derart die Beherrschung verlieren? Welche Situationen führen dazu, dass diese vor massiver körperlicher Gewalt nicht mehr zurückschrecken und ein völlig wehrloses Baby schütteln?

  • Tatsache ist, dass exzessives Schreien des Babys von manchen Betreuern als starke Belastung erlebt wird und diese nicht wissen, wie sie das Kind beruhigen können.
  • Die Anspannung und Erregung der Eltern überträgt sich auf das Kind. Mit der Folge, dass das Kind noch mehr schreit. Ein Teufelskreis entsteht.
  • Stehen die Eltern bereits unter Druck, weil sie entweder beruflich enorm angespannt sind oder es Streit und Ärger in der Familie gibt, ist die Grenze des Erträglichen und der Frustration schnell erreicht.
  • Ist ein Elternteil oder ein anderer Betreuer dann auch noch allein mit dem Baby, richtet sich die unbeherrschbare Wut schnell gegen das schreiende Kind, der Quelle des Ärgers. Für das Baby ist Schreien seine einzige Möglichkeit, sein Unwohlsein und Schmerzen auszudrücken. Es will bestimmt niemanden ärgern.
  • In aller Regel versuchen Vater oder Mutter ihr Kind zu beruhigen. Wenn es auf den Körperkontakt und den Trost mit Zurückweisung reagiert, fühlen sie sich machtlos. Ohnmachtsgefühle können in Aggression umschlagen. Sie reagieren dann mit Wut. Falls Eltern spüren, dass sie aggressiv reagieren, wenn ihr Kind schreit, sollten Sie sich Unterstützung holen und Beratungsangebote nutzen.

Traurig aber wahr: Auch in weniger angespannten Situationen und aus nichtigeren Anlässen können Eltern und Betreuer bereits hochgradig verärgert sein und die Nerven verlieren. Vor allem, wenn Eltern alkohol-, drogen- oder spielsüchtig sind, kann die Schwelle zum Gewaltausbruch sinken.

„Ein Vater, der sein Kind zu Tode schüttelte, war spielsüchtig. Er wollte einfach weiter spielen, um das nächste höhere Level zu erreichen“, erklärt Privatdozentin Dr. med. Dragana Seifert, Fachärztin für Rechtsmedizin am UKE.

Statistik: Schreidauer pro Tag in Stunden
Quelle: Nationales Zentrum Frühe Hilfen (DZNH)

Was tun bei Alarmstufe Rot?

Wenn Sie merken, dass Sie nahe dran sind, die Beherrschung zu verlieren, gehen Sie wie folgt vor:

  1. Legen Sie Ihr Baby an einen sicheren Ort, beispielsweise ins Gitterbett oder auf den Boden.
  2. Verlassen Sie kurz den Raum.
  3. Atmen Sie mehrmals tief bis in den Bauch ein.
  4. Lenken Sie sich mit einer Routinearbeit ab. Das beruhigt die Nerven.
  5. Holen Sie sich wenn nötig Unterstützung. Sie können auch den Nachbarn um Hilfe bitten. Oftmals genügt bereits ein kurzes Gespräch. Rufen Sie jemanden an, der Sie beruhigen kann.
  6. Schauen Sie nach Ihrem Kind, sobald und sofern Sie sich beruhigt haben.
  7. Wenn Sie Ihre Wut nicht mehr kontrollieren können, gehen Sie schnell nach draußen und schlagen Sie auf einen Busch ein, oder gehen Sie ins benachbarte Zimmer und lassen Sie Ihre Wut an einem Kissen aus.
    Aber schütteln Sie niemals ein Kind!
Gut zu wissen: Die Schreiphase geht vorbei. In der Regel ab dem 4. Monat.